Der Kultur- und Medientheoretiker Benjamin Steininger von der Gruppe Beauty of Oil erläutert die Verschmelzung der Kohle- mit der Petrochemie seit den 1920er Jahren und skizziert ihre weitreichenden Folgen vom Zweiten Weltkrieg bis heute.

Brennglas

Im Herbst 1945 erscheint im Report #109, Oil Division der United States Strategic Bombing Survey eine Grafik zu Deutschlands Kohlechemie. Hier bündeln sich Technik-, Welt- und Erdgeschichte. Der Report beschreibt die Effekte der Bombardements der deutschen Industrie. Mit fasziniertem Schauder berichten die US-Kommissare von der NS-deutschen Chemie als einem „industriellen Oktopus“, der, gegründet auf Kohle, Luft und Wasser, einen ganzen Kontinent verwüstet hatte. Tatsächlich: Man kann buchstäblich alles herstellen, und damit fast alles zerstören, wenn man nur genügend Kohlenstoff und Wasserstoff industriell kombiniert.

Die Grafik zeigt ein Ende, aber auch einen Anfang: Denn es sind genau die in der Kohlechemie entwickelten Prozesse, die in der Petrochemie globale Wirksamkeit entwickeln. Synthese, also die aus historischer Entwicklung bekannte, dialektische Verschmelzung widersprüchlicher Größen, ja regelrechter Gegner zu einem neuen Ganzen, wird auf Makro- wie Mikro-Ebene, und zwar im geschichtlichen wie im ebenfalls gebräuchlichen, chemischen Wortsinn, greifbar.

I.G. Farben, Standard Oil und NSDAP

Die Kohle- und Petrochemie verschmelzen nicht erst nach 1945. Das Monster selbst hätte es nicht gegeben, hätten sich nicht amerikanische und deutsche Erdöl- und Kohlechemie seit den 1920er Jahren miteinander verknüpft.

Ausgerechnet die Standard Oil of New Jersey hatte den an horrenden Kosten fast schon gescheiterten Plan der I.G. Farben gerettet, aus heimischer Kohle Benzin zu gewinnen. Denn wenn sich sogar störrische Kohle zu Benzin hydrieren lässt, so das Kalkül, dann lassen sich auch Ölrückstände mit fabelhaften Margen veredeln. Und wirklich: Aus bloßem Destillieren von Rohöl wird das chemische (Re-)Kombinieren und Synthetisieren von Kohlenwasserstoffmolekülen. Mit gemeinsamen Patenten und Aktien entstehen ab 1929 in Louisiana und Leuna Hydrierwerke. Doch das Hinzutreten eines weiteren Widersachers sorgt dafür, dass sich die transatlantischen Geschäftspartner wenige Jahre später als Weltkriegsgegner wiederfinden.

Noch Anfang der 1930er Jahre hatte die NSDAP gegen die I.G. Farben agitiert. Als Liberaler war Firmenchef Carl Bosch verschrien. Doch auch hier werden aus Gegnern fatale Verbündete. Mit dem „Benzinvertrag“ von 1933 erhoffen sich die I.G. Farben Absatzgarantien für das am Weltmarkt noch immer zu teure Kohlebenzin – zum Preis einer Verknüpfung der Konzerninteressen mit dem NS-Terrorregime und Produktionsstätten in Auschwitz. Nur der Krieg kann diese Allianz stoppen.

Dialektisch synthetische Katalysatoren

Die Synthese vormaliger Gegner bestimmt auch die chemische Ebene. Das zentrale technische Prinzip ist hier Katalyse: Steuerung und Beschleunigung chemischer Prozesse durch an der Reaktion beteiligte, aber nicht im Endprodukt enthaltene Stoffe.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts kommen nicht nur Edelmetalle wie Platin zum Einsatz, sondern aus mehreren Elementen zusammengesetzte, synthetische Katalysatoren, um damit Stoffe wie Ammoniak für Kunstdünger und Munition zu synthetisieren.

Regelrecht dialektische Katalysatoren markieren die Innovation der Kohlenwasserstoffindustrie. Hatte in Kohle oder Öl enthaltener Schwefel die Hydrierung „vergiftet“, können eigens mit Schwefel versetzte Katalysatoren Kohle und Öl verarbeiten. Das Problem muss Teil der Lösung werden, so die Überlegung der I.G. Farben-Chemiker um 1924. Ein Eisenoxid-Katalysator wird mit Wasserstoffsulfid zu Fe2S3 verarbeitet und erweist sich als giftfest. Wie ein Doppelagent wird der Schwefel umgedreht und arbeitet von da an für und nicht mehr gegen den Katalysator. Der Grundstein für Generationen von Prozessen der Kohle- und Petrochemie war damit gelegt.

Die Verschmelzung der Kohle- und Petrochemie. Grafik aus: United States Strategic Bombing Survey (Ed.), Oil Division, Final Report (European Report #109), in: The United States Strategic Bombing Survey Oil Division, Volume V, New York / London: Garland 1976, Fig. 10.

Die molekulare und planetarische Technosphäre um 1948

Die Manipulation des Molekularen hat Effekte auf der planetaren Ebene. Dies ist der Effekt der Technosphäre um und nach 1948. Nicht allein Menschen oder bloß Rohstoffe in den Händen von Menschen machen Geschichte: Historische und geohistorische Wirksamkeit hat, was mit dialektisch synthetischen Katalysatoren daraus gemacht wird.

Das Füllhorn ist um 1945 weder halb voll noch halb leer. Es beginnt erst zu sprudeln. Die Verfahren sind ausgereift und sie haben permanenten Nachschub. In den Jahren nach dem Weltkrieg überholt Öl die Kohle als paradigmatischen Rohstoff der Moderne. Nicht mehr das Bändigen der Nachfrage, sondern das Bändigen des Überschusses wird zum Problem. Straßenkreuzer mit übergroßen Motoren, Öl via Plastik in allen Lebensbereichen, ressourcenfressende Lebensformen werden extra entwickelt, um Wachstum in erdölbasierten Ökonomien zu garantieren.

Und die Geschichte dieser Industrie zeigt, dass globale Effekte keineswegs schlagartig mit neuartigen Erfindungen einsetzen. Vielmehr erreichen über Jahrzehnte angelaufene Dynamiken an einem gewissen historischen Punkt eine überkritische Masse. Als wären mehrere Wellen aus unterschiedlichen Richtungen so zusammengelaufen, dass sie sich an einem Punkt aufschaukeln. In der Great Acceleration, der globalen Beschleunigung aller möglichen Parameter zwischen Verkehr und Produktion, Erosion und Artensterben nach 1950, laufen diese Wellen noch lange weiter.

Energiewende

Allein mit Batterien werden sich Ozeanriesen und Flugzeuge kaum bewegen lassen. Molekulare Kraftspeicher wird es weiter geben. Eine Technosphäre, die das Maßschneidern von Molekülen an fossilen Ressourcen erlernt hat, wird um- und weiterlernen müssen. Eine nochmals komplexere Katalysechemie könnte aber nachhaltigen Strom in künstlichen Molekülen speichern. Doch auch dieses heute noch utopische Füllhorn der nachhaltigen Energiegewinnung und anderer Innovationen wird es ohne das paradoxe Füllhorn von 1945 nicht geben.