Manchmal machen Wörter, was sie wollen. Wer wüsste das besser als Herta Müller? Seit Jahrzehnten beschäftigt die Literaturnobelpreisträgerin sich mit der Widerspenstigkeit und mit der Durchlässigkeit von Sprache. In der kommenden Ausgabe der Gesprächsreihe „Wörterbuch der Gegenwart“ diskutiert sie mit dem Schriftsteller Marcel Beyer darüber, wann Sprache zum Ausdruck des Widerstands wird und wann zum Instrument der Machtausübung. Aus diesem Anlass ein Text aus einer Anthologie der Zeitschrift für Literatur Akzente.

Es fing früh an, dass Wörter mir hinterherliefen. Wörter wie:

Tscharegl – ein klappriges Fahrzeug, das immer wieder versagt

Pitanger – einer, der ungeniert, aber mit bösen Absichten herumirrt

Arschkappelmuster – einer, dem man erst richtig ansieht, wie dumm er ist, weil er sich für klug ausgibt, also Trottel und Angeber in einem

Diese Wörter passen auf so vieles. Und sie haben einen schroffen Klang, eine entschiedene Haltung. Durch ihre eingeschnürte Wut macht man sich Luft, man muss nicht extra fluchen, man tut es doch schon, indem man so ein Wort ausspricht.

Jeder Gegenstand, der gerade, wenn man ihn braucht, seinen Dienst versagt, wird mir bis heute zum TSCHAREGL: die Brille, wenn der Bügel abbricht, der Schuh, wenn sein Schnürsenkel reißt, der Wecker, wenn er nicht mehr tickt. Das Wort Tscharegl hat sich schon, seit ich es kenne, von einem konkreten Fahrzeug gelöst. Abstrakt kann ja alles ein Fahrzeug werden. Wenn ich als Kind den ganzen langen Tag mit den Kühen allein im Flusstal bleiben musste, sah ich den Wind als Fahrzeug durch die Gegend schleichen oder rasen. Er war ein Tscharegl. Die Bäume, die Gräser im Brachland, die Tabakfelder, sogar die Wolken schaukelten alle miteinander in dieselbe Richtung. Jedes für sich war ein Tscharegl. Aber auch alles zusammen. Manchmal fing das ganze Tal an zu fahren, die Pflanzen flatterten alle in dieselbe Richtung. Die ganze Erde war ein Tscharegl, man sah den Pflanzen an, in welche Richtung sich die Erde gerade dreht. Alles konnte miteinander fahren, und ich konnte oder musste mitfahren. Und blieb doch immer dort, wo ich war. Das Alleinsein war Schuld, es wurde gefahren und rührte sich nicht von der Stelle. Das Tscharegl im Tal hat mich immer getäuscht, ich fühlte mich vielleicht seinetwegen noch mehr im Stich gelassen.

Tscharegl, Pitanger, Arschkappelmuster – gewöhnliche Wörter aus dem Dorfdialekt. Aus einem Dorf, in dem die Welt so zugenäht war wie ein Sack. Und dort am Ende der Welt war meist auch der Mund zugenäht. Es wurde viel geschwiegen und wenig gesprochen. Und wenn dann schon mal gesprochen wurde, musste ein Faden gerissen sein. Es platzte heraus und wurde drastisch. Vielleicht sind die einzig interessanten Wörter dieses Dialekts seine Schimpfwörter. Sie sind vieldeutig, wissen aber in jeder Situation genau, was sie meinen, ohne jemals deutlich zu werden. Deshalb sind sie, wenn sie gesagt werden (müssen), schneidig klar. Sie sind zugespitzt, und wissen, dass man am tiefsten verletzt, indem man sich aufs Nötigste beschränkt. Es wird nichts ausgebreitet.

Darum ist es unmöglich und ich glaube auch unnötig, den Inhalt dieser Wörter ins Hochdeutsche zu übersetzen. Ihre Stimmung transportiert sich nur im Original, die Umschreibung macht sie schwerfällig und nimmt ihnen den Sprung.

Bei diesen einzelnen Wörtern ist der Klang ausschlaggebend – sie springen als Klang auf die Dinge. Ich mag ihren inneren Zirkus, ihre geschmeidige, aber böse Lautmalerei. Der Inhalt ist ja sowieso gegeben, aber ihre Treffsicherheit kommt vom Klang. Und aus dem Geheimnis ihrer Vieldeutigkeit.

Und später, als ich in der Stadt wohnte, war es ein doppeltes Geheimnis, zum inhaltlichen Geheimnis kam das Regionale. Außerhalb des Dorfes sprach keiner diesen Dialekt. Das machte diese Wörter apart. Diese Einzigartigkeit schmeichelte mir. Und das Schmeicheln eines Wortes, das andere verletzt, kann man gut gebrauchen, wenn man wütend oder verloren oder ziemlich verzweifelt ist. Ich kann mir die spitze Zunge dieser Wörter auch heute überall leihen, wo es nötig ist. Ich sage sie laut, oder still in den eigenen Mund.

Diese einzelnen Wörter sind im Dialekt vorhanden, ganz normales allgemeines Vokabular. Sie werden nur privat durch den Gebrauch, durch die persönlichen Belange, in denen ich sie benutze. Den Dialekt habe ich im Dorf gelassen, in der Stadt nie mehr benutzt. Aber in die Stadt mitgenommen habe ich die Schimpfwörter und ein paar Sätze aus dem Aberglauben. Nicht bewusst mitgenommen, sie blieben an mir hängen. In der Stadt hätte ich den Dialekt am liebsten vergessen. Aber die Schimpfwörter gefielen mir, aus der Umgebung gerissen, noch besser als davor im Dorf. Ich staunte sogar, wie oft sie mir einfielen. Sie wurden immer wichtiger. Man konnte sie politisch aufladen, sie trafen böse und genau den ganzen Zirkus der Tage. Ich glaube sogar, sie luden sich von selbst politisch auf. Der Dialekt hatte keine Ahnung, wie treffend das Dorfwort PITANGER für einen städtischen, sozialistischen, schlecht getarnten Geheimdienstler ist, der unbemerkt bleiben wollte. Wenn das Wort Pitanger nicht reichte, konnte ich auch noch das Arschkappelmuster hinzufügen. Das Wort Pitanger half mir, wenn ich spürte, dass da einer im Auftrag an der Straßenecke oder am Nebentisch mit dem Körper herumlungert und mit den Augen beobachtet.

Außer diesen einzelnen Wörtern gab es auch Sätze. Auch sie blieben an mir hängen. Einer davon:

Wenn man eine Schwalbe tötet, gibt die Kuh rote Milch.

Es ist der Aberglaube, mit seiner schönen, drohenden, verrutschten Logik. Wie und warum kommt das Blut der Schwalbe in die weiße Milch. Es steckt ein absurdes Theater in diesem Satz und es gibt nichts zu verstehen. Es gibt auch nichts zu erklären, dafür ist es viel zu sehr poetisch aufgeladen. Das Rote hat die Überhand bekommen, ROTE MILCH hat mit Milch gar nichts mehr zu tun. Es geht auf undurchschaubare Weise um Angst, Gefahr, Hilflosigkeit, Willkür, Gewalt – das ganze Material der Zustände, der Herrschaft. Rote Milch sind auch die Stunden beim Verhör, auch die Suizide, die hinterrücks arrangierten oder wirklichen Zufälle. Das kleine Ganze und die vielen großen ungeklärten Details sind rote Milch. Auch der Schmerz der Wirklichkeit im Verrat, der Tod von Freunden. Alles Unerträgliche der Diktatur ist rote Milch. Das Wort Milch wollte vielleicht einmal in meiner Kindheit zärtlich bleiben. Aber es wurde monströs. Es hat sich verselbständigt.

Rote Milch mischt sich bis heute in die Nachrichten der Zeitungen, der Bildschirme, der Tage. Und ich glaube, es hilft mir, obwohl es mir öfter einfällt als ich möchte. Es macht mit mir, was es will.