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Wie sollten europäische Gesellschaften heute mit den Beschädigungen aus der Kolonialzeit umgehen? Wie mit den Folgen der Zerstörung von Orten, Körpern und Identitäten? Und welche Formen der „Reparation“ gegenwärtigen Unrechts wären angemessen? Im Rahmen der Veranstaltung BODY haben sich der Künstler Kader Attia und die Philosophin Françoise Vergès mit alten und neuen kollektiven Wunden auseinandergesetzt, mit Amputationen und dem mit diesen verbundenen Phantomschmerz. Hannah Gregory hat den Film- und Diskussionsabend für das Journal besucht und diskutiert die sich ergänzenden Positionen hier. Zum Artikel auf Englisch...

Die Dahlemer Zeit des Ethnologischen Museums neigt sich ihrem Ende, der Umzug ins Humboldt-Forum steht unmittelbar bevor. Bei einem Themenabend des HKW mit Vorträgen und anschließender Diskussion im Museum ging es um eine der Kernfragen der Museologie: die Komplexität des Begriffs Ding. Museale Dinge sind ihres ursprünglichen Kontextes enthoben, ihre „Migrationsgeschichte“ führte sie an andere Orte und in neue Zusammenhänge. Der Medientheoretiker Arjun Appadurai, der Kulturtheoretiker Tony Bennett und die Museusmwissenschaftlerin Sharon Macdonald haben sich auf die Suche begeben nach alternativen Vorstellungen von den Dingen. Sie haben nach den Akteur*innen und Umständen von Migration gefragt, haben migrierende Dinge zu migrierenden Menschen in Beziehung gesetzt und die Beständigkeit von Objekten der Unbeständigkeit ihrer Bedeutung gegenüber gestellt. Ana Teixeira Pinto hat ihnen zugehört und ihre eigenen Schlüsse gezogen. Zum Artikel auf Englisch...

Der Künstler Kader Attia – beobachtet der Filmemacher und Komparatist Manthia Diawara – verfügt über eine besondere Gabe: Er kann von Alterität sprechen und von den Traumata, die das koloniale „Andere“ verursacht hat, ohne in Antagonismen zu verfallen. Attias „Repair from Occident to Extra-Occidental Cultures“ veranschaulicht dies in aller Deutlichkeit. Die Arbeit zeigt vertraut erscheinende Masken und Skulpturen aus Afrika und Europa, doch sind sie beschädigt, entstellt. Sie alle bedürfen der Reparatur. Es mag das Trauma sein, auf das Attia anspielt und das gemeinschaftsstiftend wirkt: die geteilte Sehnsucht, wiederhergestellt, repariert zu werden. Die Brutalität der Moderne – die Schuld des Kolonialismus und der Erste Weltkrieg – ist der Ausgangpunkt für die Beziehungen zwischen dem Selbst und dem „Anderen“. Und seien es allein Beziehungen zwischen beschädigten Identitäten, die Attia in seinem Werk so eindrücklich postuliert. Zum Beitrag auf Englisch...

Was passiert mit den Objekten, den Dingen, im Museum? In seinem 2005 erschienen Essay „Civic Laboratories“ untersucht der englische Kultur- und Sozialtheoretiker Tony Bennett die gleichzeitige Veränderlichkeit und Unveränderlichkeit von Objekten in Museumskontexten. Hierfür nimmt er Fragen der Identitätsbildung in den Blick und führt seine Leser*innen aus der europäischen Theoriebildung über Baldwin Spencers Inszenierungen von Aborigines in australischen Museen bis hin zu Franz Boas‘ Lebensgruppen im American Museum of Natural History in New York. Wie verändern sich Objekte mit ihrer Einbettung in unterschiedliche Regime von Objekthaftigkeit? Welche Formen des Innenlebens lösen diese beim betrachtenden Subjekt aus? Und welche erfordern sie? Zum Beitrag auf Englisch...

Friedhofsgärtnereien sind der Inbegriff des deutschen Gewerbes. Auf dem Jerusalem-Friedhof im Berliner Schillerkiez gibt es auch eine – betrieben hingegen von Geflüchteten als Guerilla-Gardening. In ihrem experimentellen Videoprojekt Terra Nova bringt die Künstlerin Constanze Fischbeck Gärtner, Anwohner*innen und Expert*innen zusammen. Die Geschichte einer vorsichtigen Annäherung.

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„Migration und Rassismus sind historisch ganz konkret verschränkt“. Dieses ernüchternde Statement führt die Migrationsforscherin Nanna Heidenreich nicht zur Resignation, sondern zu einem Ansatz, der sich auf praktischer Ebene mit strukturellen gesellschaftlichen Herausforderungen beschäftigt: In ihrem dreiteiligen Projekt „Tonspuren“ setzt sie auf Künstler*innen, die nicht Porträts von Geflüchteten zeichnen, sondern die Zusammenarbeit ins Zentrum ihrer Arbeit rücken – in einer Friedhofsgärtnerei, im Alltagsleben einer achtköpfigen Familie, in der Vielstimmigkeit des Zuhörens. Im Interview stellt sie die Projekte vor und erläutert ihren kuratorischen Ansatz: Projektionsflächen vermeiden, offene Verhandlungsräume schaffen, Selbstbestimmung in den Vordergrund stellen – oder, ganz simpel: ins Gespräch kommen. Zum Beitrag...

Krieg und Displacement gehen Hand in Hand. Was der Historiker Jörn Leonhard in seiner Analyse des Ersten Weltkriegs herausstreicht – die Anonymisierung und Bürokratisierung von Gewalt – beschreibt der Schriftsteller Stefan Zweig exemplarisch anhand eines Einzelschicksals: Der Mensch als zum Scheitern verurteilter Spielball ungenannter, gnadenloser Mächte. Zum Beitrag...

Der Erste Weltkrieg, gedacht als „the War to end all Wars“, hatte mitnichten die gewünschte Wirkung: Anonymisiertes Töten und Getötetwerden sowie die totale Entgrenzung einer technologisierten wie bürokratisierten Kriegsmaschinerie sind Hypotheken, die bis heute nicht beglichen sind. „Der Sieger“, so der Historiker Jörn Leonhard in seinem Beitrag zum Projekt Tatort Schlachtfeld, „war keine Nation, kein Staat, kein Empire, und sein Ergebnis war keine Welt ohne Krieg. Der eigentliche Sieger war der Krieg selbst.“ Zum Beitrag...

Gibt es Wahrheit? Und brauchen wir sie noch? Im Rahmen der Reihe Wörterbuch der Gegenwart diskutierten Wole Soyinka, Literaturnobelpreisträger, und Manthia Diawara, Filmemacher und Kulturtheoretiker, eine universelle Idee und ihre Relevanz in der heutigen Welt. Ausgangspunkt war die Négritude, von ihren Erfindern erdacht als wahrhafte Basis einer afrikanischen Identität.

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Unter dem Stichwort FORUM trifft in der zweiten Ausgabe des Wörterbuchs der Gegenwart Eyal Weizman, Architekt und Aktivist, auf den Sozialhistoriker Dipesh Chakrabarty. Vage Moralvorstellungen, so dessen These, führen im Umgang mit dem Klimawandel nicht weiter. Ein wirksames Forum muss eine planetarische Perspektive einnehmen.

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Acht Tage lehren, lernen, experimentelle Formen der Wissensproduktion und -aneignung austauschen. Der Technosphere Campus am HKW widmete sich einem Thema, das mehr und mehr weltbestimmend wird: der Technosphäre. In Zeiten, in denen nicht nur „smart“-Produkte Technologie und Leben untrennbar verschmelzen, sondern mit Hilfe von Algorithmen der Mensch ebenso wie seine Umwelt umfassend berechnet wird, ist ein Phänomen entstanden, das dringend der Erforschung bedarf. Brian Holmes, Kulturkritiker und Co-Leiter des Seminars „Governing the Anthropocene“, berichtet. Zum Beitrag auf Englisch...

Eine Nachlese zum Technosphärenwissen

Eine neue Komponente des Erdsystems ist im Entstehen, vergleichbar in ihrer Wirkmacht und Funktion mit der Bio- oder Hydrosphäre: die Technosphäre. Sie bildet sich im Zusammenwirken natürlicher Umwelten mit gewaltigen soziotechnischen Kräften und einer wachsenden „technologischen Artenvielfalt“. An den drei Themenabenden von Technosphärenwissen gaben Wissenschaftler*innen und Künstler*innen Einblicke in die gegenseitige Bedingtheit von Wissensproduktion und Technosphäre. Die Schriftstellerin Adania Shibli war dabei und hat sich ihre eigenen Gedanken gemacht. Zum Beitrag auf Englisch...

Die dystopische Videoserie The Common Sense dreht sich um „The Patch“. An den Gaumen geklebt überträgt diese Prothese die Gefühle und körperlichen Empfindungen anderer. In zeitlichen und räumlichen Sprüngen zeigt die Videoarbeit die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, die das Gadget auslöst – von der absoluten Überwachung im Arbeitsalltag bis zur einer pornografischen Ökonomie. Im Interview mit Bert Rebhandl spricht die Künstlerin Melanie Gilligan über Geräte, Fernsehserien und Neurowissenschaften. Zum Beitrag...

Schellack ist das Gegenteil von Smart Home: „nach 3 Minuten aufstehen, die Seite wechseln, die Nadel des Grammophons austauschen“. Ein Gespräch mit dem Berliner Schellack-Experten und Betreiber eines Grammophon-Salons, Ralf Schumacher, über ein anderes Hören und die Faszination stromfreier Technik. Zum Beitrag...

Seit dem Sommer der Migration 2015 zeigt sich: Selbstermächtigung und digitale Werkzeuge sind wesentlich, für Geflüchtete ebenso wie für Ehrenamtliche und Aktivist*innengruppen. Ihr Handeln in Eigeninitiative hat einen gesellschaftlichen Wandel in Gang gesetzt, den es jetzt zu gestalten gilt. Angela Dreßler über die entstehende Zivilgesellschaft 4.0, über die Neuankommenden, über die, die nicht kommen – und warum sie es nicht tun. Zum Beitrag...

Ein echter Austausch ist in der Gesellschaft nicht gefragt, das zeigt der Umgang mit Geflüchteten. Wir brauchen aber eine Kultur des offenen Dialogs, der Differenz aushält und Zeit-Räume für nachhaltige politische Strategien eröffnet. Denn nur die Möglichkeit zur aktiven Teilnahme an der Gesellschaft schützt vor dem Rückzug der Ausgegrenzten in partikulare Gemeinschaften. Zum Beitrag...

Von Radiopropaganda in Ruanda zu Folterpraktiken auf Guantánamo Bay: Was hat Musik mit Krieg zu tun? Die Kulturanthropologin Angela Dreßler geht dieser Frage nach – und erfährt, wie Musik im krisengeschüttelten Guinea-Bissau die Angst vor einem neuen Militärputsch lindern soll. Zum Beitrag...

28.01.2016 Zeitregime Guo Jinniu

Über Zeitvorstellungen und den beschleunigten Kapitalismus in der Literatur: In den Gedichten Guo Jinnius, der eine Zeitlang als Wanderarbeiter in Südchina in einer Foxconn-Fabrik arbeitete, spiegeln sich die massiven Veränderungen, denen China seit der Öffnung für den Wirtschaftsliberalismus unterliegt. Zum Beitrag...

Zur Autonomie der Technik

Kann man sagen, dass die Technologie heute in ihren globalen Auswirkungen mit der Natur und der Gesellschaft in Konkurrenz tritt? Der Medienphilosoph Erich Hörl und der Geowissenschaftler Peter K. Haff diskutieren die Technosphere: Wie wurde aus Technologie ein semiautonomes Ökosystem? Zum Beitrag...

Über das Festival "Krieg Singen"

Krieg und Musik – ohne einander scheinen sie nicht auszukommen, zweiteres ohne ersteres schon gar nicht. Im Gespräch erläutern HKW-Intendant Bernd Scherer und die beiden „Krieg singen“-Kuratoren Detlef Diederichsen und Holger Schulze, warum es gerade heute wichtig ist, die Querverbindungen von Musik und Krieg in den Blick zu nehmen: mit den Mitteln der Musik selbst. Zum Beitrag...

EuropaFolterKriegMilitärMusikPropaganda
Eröffnungsrede von Bernd Scherer, Intendant des HKW, zum Auftakt von 100 Jahre Gegenwart am 30. September 2015

Notstandsverwaltung des Augenblicks versus Geschichte als Möglichkeitsraum: Wie kann unsere Gesellschaft zu neuen Handlungsmodellen kommen, statt ständig auf unerwartete Herausforderungen reagieren zu müssen? Zur Beantwortung dieser Frage hat Bernd Scherer den Bogen weit gespannt – von der Zeit-Geschichte zur Technik- und Kriegs-Geschichte. Zwischen Kapitalismus, Technologie und Beschleunigung ist ein explosives Amalgam entstanden, dessen Zusammensetzung dringend der Analyse bedarf: die Gegenwart. Zum Beitrag...

Thomas Meinecke, Frontmann der Band F.S.K., über Musik in Zeiten der Mobilmachung und der Propaganda. Zum Beitrag...

Ein Interview mit Jihan El-Tahri

Die Dokumentarfilmerin Jihan El-Tahri analysiert die moderne ägyptische Gesellschaft im Schatten der drei „Pharaonen“ Nasser, Sadat und Mubarak. Ein Gespräch über ihre geplante Trilogie. Zum Beitrag...

Helga Nowotnys Keynote zum Auftakt von 100 Jahre Gegenwart am 30.9.2015

Was ist Zeit? Und was machen Beschleunigung einerseits und Big Data andererseits mit den Menschen? Die Soziologin Helga Nowotny hatte sich schon 1989 mit der entscheidenden Frage beschäftigt, wie sich die Veränderungen in der Gesellschaft auf das Zeitgefühl auswirken: Ihr Buch Eigenzeit traf einen Nerv, entwickelte sich zum Klassiker mit Übersetzungen ins Französische, Englische und Italienische. Nun hat sie sich das Thema erneut vorgenommen: Wie steht es um das Empfinden der (eigenen) Zeit heute? Zum Beitrag...

Die so genannte „Flüchtlingskrise“ ist nicht eine Krise der Geflüchteten, sondern der Gesellschaft. Ausgehend von dieser simplen Einsicht schlägt Andrew Herscher den Bogen von den Sozialreformen des 19. Jahrhunderts zum „voucher humanitarianism“ des 21: Statt die soziale Frage selbst anzugehen, stürzten sich die damaligen Reformer auf das Phänomen der „Wohnungsfrage“ (Friedrich Engels). Internationale humanitäre Anstrengungen heute wiederum weisen immer stärker in Richtung eines „digital shelter“: Statt den Geflüchteten Wohnraum zur Verfügung zu stellen, erhalten sie Prepaid-Kreditkarten. Zum Beitrag...

Wer der Zeit auf die Spur kommen will, muss experimentieren – oder besser noch: improvisieren. Das – so zeigt das Programm „Der Angriff der Zeit auf das übrige Leben“ – gilt auch oder gerade in der Kultur: weg von der fertigen, er- und geprobten Aufführung, hin zur offenen Form, zur Entwicklung des Denkens auf der Bühne. Eine Zwischenbilanz. Zum Beitrag...

Ordnungssysteme, die kollabieren. Kategorien, die nicht mehr greifen. Gesellschaftliche Transformationen von unbekanntem Ausmaß: Der Erste Weltkrieg läutete eine historische Phase ein, die sich seither in den verschiedensten Formationen stets aufs Neue manifestiert. Mit der Projektreihe 100 Jahre Gegenwart spürt das HKW den Wirkmächten des Ersten Weltkriegs im digitalen Heute nach. Zum Beitrag...