Strategies employed include a speculative biology which envisions genetically manipulated bacteria generating crystals from the electromagnetic field surrounding electricity cables to “connect biological life to the electricity grid.” Another dossier on the story of phosphor takes us on a journey spanning the “entire socio-technical structure from phosphor mining and the global agribusiness to our plates and toilets.” Throughout the magazine strong artistic, multidisciplinary approaches – including a video work employing a Shakespearean actor and specially composed music – generate alternatives to the standard scientific narrative.


 

Auf der Startseite des Technosphere Magazine ist ein schwammartiges, ringförmiges Gebilde zu sehen, das aussieht wie eine Versteinerung. Was ist das?

Katrin Klingan: Das Foto zeigt ein sich organisch entwickelndes, aber dennoch künstliches Geflecht. Es ist Teil einer Serie, die die Designagentur Studio NAND entwickelt hat, mit der wir für das Magazin zusammenarbeiten.

Christoph Rosol: Die Idee dahinter ist folgende: Mit den Entwicklungen auf dem Gebiet der synthetischen Biologie, also der avancierten Gentechnik, haben wir es immer mehr mit Formen des Lebens zu tun, die von uns Menschen manipuliert werden. Wie aber dieses synthetische Leben füttern, mit Energie versorgen? Der spekulative Prozess, der zu dem Objekt auf der Startseite, dem ‚Cover‘ des Magazins, geführt hat, ist ein Versuch, das biologische Leben an das ‚Stromversorgungsnetz‘ anzuschließen.

Wie genau soll das funktionieren?

Christoph Rosol: Wenn Strom durch ein Kabel fließt, entsteht ein elektromagnetisches Feld. Die Designer haben nun gentechnisch veränderte Bakterien verwendet, die in der Lage sind, aus dem Ladungsfeld magnetische Kristalle zu bilden. Diese Kristalle – so das Gedankenspiel – könnten wiederum eingesetzt werden, um die ursprüngliche Energie des elektromagnetischen Feldes in ein Molekül mit dem Namen Adenosintriphosphat umzuwandeln. Dieses ist Energieträger für lebendige Zellen.

Diese Überwindung der Kluft zwischen dem Biologischen und dem Technologischen ist ja auch das Konzept, das mit dem Begriff der Technosphäre eingeht…

Katrin Klingan: Den Begriff oder das Wort „Technosphäre“ gibt es schon länger. Ursprünglich wurden damit einfach technische Infrastrukturen und Systeme bezeichnet. Wir sprechen jedoch von einem umfassenderen Phänomen. Das Novum, das uns interessiert, ist, dass die kategoriale Trennung zwischen Mensch, Technologie und Natur so nicht mehr funktioniert.

Ein Beispiel?

Christoph Rosol: Das gesamte Leben auf der Erde bildet zusammen die Biosphäre. Leben – das ist nicht nur die Summe der Spezies, sondern das sind auch die Interaktionen zwischen den verschiedenen Lebewesen, der Stoffwechsel, der Austausch von Energie. Die Technosphäre ist dazu das Analog. Sie summiert nicht einfach nur ,die Technik‘, sondern gibt einen Hinweis darauf, auf welche Weise Materie und Energie heute zirkulieren. Wir bewegen uns fort, indem wir Jahrmillionen alte fossile Energieträger mobilisieren und verbrennen. Wir kultivieren und ernten einen Großteil der verfügbaren Biomasse dieses Planeten. In der Technosphäre materialisiert sich die Konstellation zwischen Mensch und Natur. Sie bildet quasi den Maschinenraum des Anthropozäns.

Das Magazin beschreibt die Welt der Technosphäre, indem es Einzelbeiträge zu Dossiers bündelt und diese en bloc online stellt. Etwa fünfundzwanzig Dossiers sollen es am Ende werden. Wie funktioniert so ein Dossier? Nehmen wir das Beispiel „Phosphor“.

Christoph Rosol: Die Story von Phosphor ist ja diese: Es gibt ein chemisches Element, das lebensnotwendig ist. Von diesem Element aus kann man ein gesamtes soziotechnisches Gefüge aufspannen – vom Phosphatabbau und der globalen Agrarindustrie bishin zu unseren Tellern und Toiletten. So ist man plötzlich in den Phosphatminen von Marokko oder bei den zivilisatorischen Verwerfungen auf pazifischen Inselstaaten. Wir möchten das gesamte Geflecht aufzeigen. Nicht abstrakt, sondern mit Bezügen zu konkreten Orten und Zeiten.

Katrin Klingan: Das Thema Phosphor ist ein Paradebeispiel für ein exploratives Forschungsprojekt nach der Art, wie wir es hier am Haus der Kulturen der Welt (HKW) praktizieren. Die Autor*innen, die das Phosphor-Dossier mit ihren Beiträgen gestaltet haben, sind ursprünglich durch eine Veranstaltung am HKW zusammen gekommen, in der wir den „Phosphor-Apparat“ gemeinsam skizziert hatten. Diese Kooperation setzte sich in einem Workshop am Rachel Carson Center in München fort und dem Plan, sowohl ein Phosphor-Sonderheft in dem vom Center herausgegebenen Journal, als auch ein stärker visuell-künstlerisch orientiertes Dossier in unserem Magazin zu publizieren. Hier kamen Designer*innen hinzu, die sich mit dem Phosphor-Thema bereits intensiv auseinandergesetzt hatten. Wir versuchen nicht allein veranstaltungsorientiert, sondern langfristig zu arbeiten und die Zusammenarbeit von Forscher*innen und Künstler*innen in mehreren Schleifen und Konzentrationsmomenten zu Ergebnissen zu führen.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Autor*innen, Designer*innen und Künstler*innen, die ja ebenfalls zu den Dossiers beitragen?

Katrin Klingan: Unser Autor Jan Zalasiewicz beispielsweise ist Vorsitzender der Anthropocene Working Group der internationalen Kommission der Stratigraphen, also der Erdschichtenkundler. Die Künstlerin, die er ausgewählt hat – die Grafikerin Anne-Sophie Milon – schafft für Zalasiewicz einen Möglichkeitsraum, der ihm eine Sprache und ein Narrativ erlauben, die sich von seiner gewohnten wissenschaftlichen Perspektive unterscheidet. Zukunftsgeologie mit Stift und Kreide.

Christoph Rosol: Ein anderes Beispiel: Beim Phosphor-Dossier haben die beteiligten Gestalter einen Londoner Shakespeare-Schauspieler engagiert. Die Videoarbeiten, die in dem Dossier gezeigt werden, setzen bei dem Faszinosum der Entdeckung des Elementes Phosphor in einem alchemistischen Kontext an. Es geht in weitere, eher düstere Bereiche: zum Raubbau an Phosphaten, wie unsere Landwirtschaft und Industrie von der Ressource abhängen, die Völlerei, die wir betreiben. Das sind durchaus theatrale Momente! Auch die Musik ist eigens komponiert worden.

Katrin Klingan: Es geht um das alchemistische Kernelement, wie das Innere immer mit dem Äußeren kämpft. Und wie weißes Gold, Glanz, Reichtum, Wohlstand, und Armut, Erschöpfung, Kollaps miteinander zusammenhängen.

An welche Leser*innen richtet sich das Technosphere Magazine?

Christoph Rosol: Hauptsächlich sprechen wir die Art von para-akademischer Community an, die sich auch schon für die Veranstaltungsreihe zum Thema Anthropozän am HKW interessiert hat. Ein sehr internationales Publikum, das sich zwischen Wissenschaft, Kultur und einem allgemeinen Interesse an den großen Gegenwartsthemen bewegt. Der Geist, der unsere Community umtreibt, ist jener der kollektiven Nutzung unterschiedlicher Wissensquellen, um diese in einen größeren gesellschaftlichen Diskurs einzuspeisen.

Katrin Klingan: Wir sehen uns als ein Explorationsprojekt. Dieses Projekt findet hier am HKW statt, aber auch innerhalb einer größeren Gemeinschaft. Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Leute aus zivilgesellschaftlichen Zusammenhängen sind daran beteiligt. Das Magazin ist ein Schaufenster, das Einblicke in diese Arbeit gibt.